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Foto: David Lie
Foto: David Lie
24.10.2008
von Alumnus David Lie

Erfahrungsbericht: Bank-Berater in Indien

Mikrokredite für indische Tagelöhner


Foto: David Lie
Alumnus David Lie (28) studierte BWL mit interkultureller Qualifikation in Chinesisch an der Universität Mannheim. Doch dann landete der Senior-Berater des Inhouse Consultings der Deutschen Bank nicht in China - sondern als Berater für die Genossenschaftsbank Mann Deshi mitten im indischen Nirgendwo.
Der Generator knattert. Laut und unermüdlich. Denn seit zwei Tagen gibt es nur stundenweise Strom. "Das kann schon mal passieren", werden wir bereits an unserem ersten Tag informiert. "Aber normalerweise ist das kein Problem." Lächelnd öffnet die Bank-Mitarbeiterin einen kleinen Schrank. Acht Autobatterien stehen dort aneinandergereiht. "Auf diese Weise werden die wichtigsten Banksysteme betrieben, sollte der Strom mal längere Zeit ausfallen. Ansonsten lassen wir den Generator laufen, und ab und zu funktioniert dann doch das Stromnetz." Die Mann Deshi Mahila Sahakari Bank liegt rund sieben Autostunden von Mumbai entfernt – irgendwo im indischen Nirgendwo, in einer Gegend, die bisher nur wenig von Indiens Wirtschaftsaufschwung profitiert hat.

Du interessierst dich für Indien oder die Arbeit bei der Deutschen Bank? Dann stell deine Fragen direkt an David - in der Gruppe "Inside Deutsche Bank".

Kleinstkredite für Tagelöhner


Dass eine Bank in einer solchen Umgebung dennoch sehr erfolgreich arbeiten kann, zeigt Mann Deshis Erfolg: Ausgerüstet mit nur zwei Telefonleitungen, einem einzigen ISDN-Internetanschluss und wenigen DOS-Computern bietet Mann Deshi seit 1997 zahlreiche Mikro-Finanzprodukte für ihre rund 25.000 Kunden an. Die Kunden gelten trotz einer Kredit-Rückzahlungsquote von nahezu 100 Prozent nach westlichen Standards als nicht bankfähig. Der Großteil der Kreditnehmer sind einfache Straßenverkäuferinnen und Tagelöhner mit einem Einkommen von wenigen Dollar am Tag.

Der Projektraum ist auch Kantine


Ein kurzes Summen. Dann kehrt der Strom zurück. Bedächtig beginnt der Deckenventilator durch die 43 Grad warme Luft zu pflügen; nur mühsam findet die kühlende Brise den Weg durch unser kleines Büro, in dem ich mit vier weiteren Deutsche Bank-Kollegen für sechs Wochen Unterschlupf gefunden habe. Ein Stockwerk tiefer herrscht ein kunterbuntes Treiben und durch die geöffneten Fenster dringt ein ohrenbetäubendes Gewirr aus Menschenstimmen, Motorgeräuschen und Eselrufen. Dabei geht es in unserem kleinen Büro selbst nicht weniger hektisch zu: Es dient als Kantine, Konferenzraum, allgemeiner Treffpunkt, Durchgang zur einzigen Toilette der Bank und letztendlich als unser Arbeitsraum.


Corporate Community Partnership (CCP) ist ein weltweites Programm der Deutschen Bank. Es unterstützt Organisationen mit herausragenden sozialen oder gesellschaftlichen Leistungen auf Basis von "pro Bono"-Beratungsaufträgen. Die Mitarbeiter der Deutschen Bank arbeiten in dem jeweiligen Entwicklungs- oder Schwellenland an sozialen Projekten mit.

Von Mai bis Juni 2008 unterstützte ein internationales Projektteam der Deutschen Bank die Mann Deshi Mahila Sahakari Bank Ltd. im westindische Marahashtra. Die Bank wurde von Frauen für Frauen gegründet und bietet seit 1997 insbesondere Mikro-Finanzierungsprodukte in der von Dürre geplagten Region an.

Maßgeschneiderte Konzepte für Mann Deshi


Durstig leere ich die fünfte Wasserflasche und beginne, meine Gedanken wild in den Laptop zu hämmern. Die Mann Deshi Bank beabsichtigt, umfangreiche Unternehmenskooperationen einzugehen und das Konzept dazu erstellen wir: Welche Rolle werden Kooperationen in der Strategie des Unternehmens grundsätzlich einnehmen? Für welche Bereiche der Bank wären Kooperationen sinnvoll und sollten standardisierte Kriterien im Auswahlprozess berücksichtigt werden? Wie könnte ein solcher Kriterienkatalog aussehen, damit ein späterer Kooperationserfolg auf dieser Basis gemessen werden kann? Wir suchen immer wieder das Gespräch mit den Mitarbeiterinnen; denn der wichtigste Aspekt in unserer Projektarbeit ist, dass die maßgeschneiderten Konzepte auch umgesetzt werden können.

Ameisen und Team-Meetings


Ein kurzer Blick auf die Uhr verrät, dass wir uns in ein paar Minuten im Team zusammensetzen werden. Hastig beseitige ich noch die letzten Reste einer kleinen Ameisenkolonie, die über Nacht meinen Laptop erobert hat, und speichere die aktuellen Arbeitspapiere auf einem USB-Stick. Eine andere Möglichkeit, Daten elektronisch auszutauschen, haben wir nicht. Nach einem kurzen Statusbericht zum Kooperationsprojekt besprechen wir eine Anfrage des CEO für einen Strategie-Workshop, in dem Mann Deshi mit uns verschiedene Expansionsmöglichkeiten durchspielen möchte. Im Nachgang bereiten wir ein Treffen mit den vier Filialleiterinnen vor, wobei wir ihnen ein auf Excel basierendes Informationswerkzeug vorstellen und ihre Anmerkungen aufnehmen wollen. Weil die dezentral agierenden Filialleiterinnen bisher im Datensumpf nahezu ertranken, suchen wir derzeit einen Weg, alle wesentlichen Informationen auf einem Blick darzustellen.

Flipflops statt Krawatte


Nach einer knappen Stunde sind alle Punkte besprochen und ich wische mir den Schweiß von der Stirn. Tinkin, die gute Seele der Bank, kommt in den Raum und jongliert gekonnt einige Tassen auf einem riesigen Tablett. Mit Schwung und einem freundlichen Lächeln stellt sie jedem von uns einen Tee "gegen die Hitze" auf den Schreibtisch. Ich bin froh, dass ich hier auf die sonst obligatorische Krawatte verzichten kann. Stattdessen trage ich T-Shirt, Sommerhose und dazu ein paar bunte Flipflops.

Ochsen, Esel, feine Gewürze


Während die Abendsonne das Büro allmählich in dunkelrotes Licht hüllt, sammeln wir unsere Dokumente zusammen und gehen langsam zurück zu unserer Unterkunft. Auf den Straßen herrscht der tägliche Feierabend-Trubel. In farbenprächtigen Menschentrauben wird lautstark erzählt, gelacht und Tee getrunken. Dazwischen streunen Ochsen und Esel durch die Gassen. Der Geruch feiner Gewürze liegt in der Luft. Unsere Bleibe – das Haus der Gründerin der Mann Deshi Bank und für hiesige Verhältnisse ein recht großes Anwesen – liegt etwas außerhalb des Dorfes und jenseits eines ausgetrockneten Flussbetts.

Hauptattraktion des Dorfs: die Ausländer


Auf dem Weg durch das Dorf verfolgt uns eine kleine Kinderschar. Mit großen, neugierigen Augen springen sie um uns herum und werfen uns hier und da ein kurzes "Hello, how are you?" entgegen, um im nächsten Moment mit schallendem Gelächter wegzulaufen. Gewöhnlich verirren sich nur selten Ausländer in diesen Teil der Welt und so sind wir die Hauptattraktion des Dorfs. Kurz vor unserer Bleibe verstummt jedoch das fröhliche Gelächter und die Kinder kehren zurück. Die Furcht vor den berüchtigten Haushunden ist stärker als ihre Neugier. "Fremde sollten den Hunden nie zu nahe kommen – oder schnell rennen können", witzelte Vijay, der Hausherr, noch am ersten Tag. Doch inzwischen haben sich die beiden Tiere an uns gewöhnt und blinzeln uns nur kurz und müde an. Trotzdem passieren wir zügig das Tor – sicher ist sicher.

Die Ernte fällt mager aus - trotz des Brunnens


Vijay sitzt entspannt auf der Terrasse und begrüßt uns freundlich. Zwei große Schalen mit frischen, saftigen Mangos stehen vor ihm. Mit einer kurzen Armbewegung winkt er uns zu sich heran. Wir stellen unsere Taschen in die Ecke und streifen unsere Flipflops von den Füßen. Selbst jetzt spüren wir noch die glühende Hitze des Bodens. "Meine beiden Söhne haben heute beim Honigsammeln einen Mangobaum gefunden!" schmatzt der Hausherr stolz, während er die ersten Mangostücke verschlingt. "Morgen wollen sie euch gerne dorthin mitnehmen. Und keine Sorge – die Bienen stechen hier eher selten." Während wir zusammensitzen und ein wenig erzählen, werden auf der Rückseite des Hauses die Büffel versorgt, die tagsüber beharrlich den Pflug durch den harten Boden ziehen. Etwas besorgt schaut uns der Hausherr an: "Ich schätze, dass die Ernte dieses Jahr wohl etwas schlechter wird – trotz des neuen Brunnens."

Zu Tisch mit der Firmengründerin


Etwas abseits unter einem kleinen Vordach köchelt derweil das Abendessen auf offenem Feuer. Es duftet nach einem Mix aus Reis, Bohnen und verschiedenen Gemüse. Fleisch gibt es nicht und bis auf die Büffelmilch, die jeden morgen frisch gemolken wird, verzichten wir auf tierische Produkte. Chetna, die Gründerin der Mann Deshi Bank, setzt sich schließlich mit einem leichten Seufzer neben uns an den Tisch und berichtet, dass einige der Filialleiterinnen sehr skeptisch auf die gerade erst gekaufte IT-Plattform reagieren. "Ich weiß nicht, ob sie die Neuerung überhaupt annehmen werden. Die neue Software ist nicht einmal installiert, aber zurzeit höre ich viele Befürchtungen, dass die Arbeit damit komplizierter und schwieriger werden könnte." Gesehen haben die Mitarbeiterinnern die neuen Anwendungen bisher nicht und wir beschließen, zunächst eine Informationsveranstaltung mit dem IT-Unternehmen zu organisieren.

Geschichten aus unruhigen Zeiten


Nach dem Abendessen sitzen wir unter sternenklarem Himmel und die Nachtluft spendet eine angenehme Kühle. Vijay erzählt uns, wie Chetna und er sich damals kennen gelernt haben: In der unruhigen Zeit der Landreform unter Indira Ghandi, als Chetna aus Mumbai zu ihm in seine kleine Hütte gezogen ist. Damals hatte der kleine Holzverschlag nicht einmal einen richtigen Fußboden. Vielmehr schlug Vijay sein Nachtlager jeden Abend auf dem ausgetrockneten Lehmboden auf. Mit viel Staunen lauschen wir Vijay, bevor wir müde unter unsere Moskitonetze schlüpfen. Zuvor leuchten wir unter unsere Betten. Doch heute haben sich dort keine Schlangen oder Skorpione verkrochen.

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